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The Zephyr – Dezember 2022

21. Dezember 2022

Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,

Als Schams Rumi traf, setzte er dessen Bücher in Brand. Woher wissen wir das? Der Vorfall ist in einem Buch beschrieben (1). Buchwissen kann nicht mit echtem Wissen verglichen werden – so sagen es uns die Bücher. Abgesehen davon inspirierte derselbe Schams-i Täbriz, der Rumis Bibliothek so wenig schätzte, ihn auch zur Abfassung des Divan-i Schams, eines der größten Bücher aller Zeiten.

Im menschlichen Körper werden ständig alte Zellen abgestoßen, während sich neue bilden. Wenn ich mir meine Bücherregale ansehe, sehe ich dasselbe Phänomen im Spiel. Bücher, von denen ich nicht erwarte, dass ich sie noch einmal aufschlage, finden ihren Weg zurück in den großen Kreislauf des Lebens. In der Zwischenzeit nehmen neue (oder für mich neue) Bücher routinemäßig ihren Platz ein.

Ich leihe mir häufig Bücher aus der Bibliothek aus. In einer Welt, in der Kaufen und Verkaufen jeden sichtbaren Winkel unserer städtischen Topographie ausfüllt, sind Bibliotheken und Parks eine rettende Gnade. Ihrer freundlichen Art nach zu urteilen, sind die Bibliothekare in meiner örtlichen Bücherei wahrscheinlich einige der glücklichsten Menschen, die ich kenne. Borges schrieb: “Ich habe mir immer vorgestellt, dass das Paradies eine Art Bibliothek sein wird”. Diese Bibliothekarinnen und Bibliothekare scheinen von einer solchen Vision bewegt zu sein, und sie verleiht ihnen eine beständige Ruhe.

Jetzt, wo sich das Sonnenjahr dem Ende zuneigt, blicke ich auf die Bücher zurück, die ich in den letzten zwölf Monaten lesen durfte. Lassen Sie mich ein paar Höhepunkte nennen.

Als Kind habe ich J.R.R. Tolkiens Der Hobbit gelesen, bin aber aus dem einen oder anderen Grund nie zu Der Herr der Ringe gekommen. Dieses Jahr habe ich das Versäumnis nachgeholt. Tolkien ist ein meisterhafter Weltenbauer, und ich finde seine Landschaftsschilderungen hinreißend. Mein Freund Peter Kingsley hat mich jedoch gleich zu Beginn gewarnt, dass trotz der offensichtlichen spagyrischen Symbolik in den Büchern es etwas grundlegend Anti-Alchemistisches in der Vorstellung des Rings als etwas gibt, das zerstört werden muss, anstatt dass man mit ihm rechnet, ihn verwandelt und erlöst (2).

Als ich mich durch die Trilogie arbeitete, konnte ich sehr gut nachvollziehen, was Peter meinte, und war auch betroffen von den “schrägen” Augen und der “dunkelhäutigen” Haut, die den Schurken der Geschichte zugeschrieben werden. Und dann ist da noch die Sache mit den Orks, einer ganzen Rasse, die angeblich niederträchtig und von der genetischen Veranlagung her böse ist. In Die zwei Türme sagt der Pflanzenmann Baumbart über die Isengarder: “Sind es Menschen, die er (Sauron) ruiniert hat, oder hat er die Rassen der Orks und der Menschen vermischt? Das wäre ein schwarzes Übel!” Kommentare wie dieser, die das Gespenst der Eugenik heraufbeschwören, lassen einen wirklich innehalten. Es ist jedoch ein gewisser Trost, wenn man erfährt, dass Tolkien lautstark gegen die Apartheid in Südafrika und den wahnsinnigen Rassismus der Nazis auftrat. Und es gibt durchaus bezaubernde Passagen in Der Herr der Ringe. Hier sind ein paar, die ich mir notiert habe:

  • Gandalf zu Frodo: „Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand. Denn selbst die ganz Weisen können nicht alle Absichten erkennen. Ich habe nicht viel Hoffnung, dass Gollum geheilt werden kann, ehe er stirbt, aber möglich ist es trotzdem. Und er ist eng verknüpft mit dem Schicksal des Rings. Mein Herz sagt mir, dass er noch eine Rolle zu spielen hat, zum Guten oder zum Bösen, ehe das Ende kommt; und wenn es dazu kommt, dann mag Bilbos Mitleid bestimmend sein für das Schicksal von vielen – und nicht zuletzt für das deine.“
  • Tom Bombadil zu den reisenden Hobbits als sie nach seinem Namen fragten: „Sage mir, wer bist du, allein, du selbst und namenlos?“
  • Gandalf zu Saruman: “Derjenige, der etwas zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen.“
  • Pippin über Baumbarts Augen: “Man hatte das Gefühl, als ob ein gewaltiger Brunnenschacht hinter ihnen lag, angefüllt mit den Erinnerungen einer unendlich langen Zeit und langem, bedächtigem, beharrlichem Denken; aber auf ihrer Oberfläche funkelte die Gegenwart; wie Sonne, die auf den äußeren Bättern eines riesigen Baumes schimmert, oder auf den Wellen eines sehr tiefen Sees.“
  • Baumbart zu Merry: “Hügel. Ja, das war es. Aber es ist ein vorschnelles Wort für ein Ding, das hier schon steht, seit dieser Teil der Welt geformt wurde.”
  • Gwaihir zu Gandalf: „Die Sonne scheint durch dich hindurch.“
  • Aragorn zu Pippin: „Einer, der in der Not einen Schatz nicht wegwerfen kann, ist in Fesseln.“
  • Frodos schlafendes Gesicht: “Frodos Gesicht war friedlich, die Spuren von Angst und Sorge hatten es verlassen; aber es sah alt aus, alt und schön, als ob die Ziselierung der formenden Jahre sich nun in vielen feinen Linien offenbarte, die zuvor verborgen gewesen waren, obwohl die Identität des Gesichts sich nicht verändert hatte.”
  • Faramir über das Ritual der Menschen von Gondor vor jeder Mahlzeit: „ Wir blicken nach  Numenor, das war, und jenseits davon nach Elbenheim, das ist, und nach dem, was jenseits von Elbenheim ist und immer sein wird.“
  • Frodo zu Faramir: “ Gewiss erwartete ich nicht eine solche Freundschaft, wie Ihr sie mir bewiesen habt. Sie gefunden zu haben, verwandelt Unglück in großes Glück.“

d9f55139 87be dc5c 2369 3bd6b97f1f3eWenn ich mich nun den Sufi-Büchern zuwende, habe ich weiterhin große Freude an den Sammlungen von Fazal
Manzil und vom Astana (3). Insbesondere habe ich einige der wunderbaren Übersetzungen von Sufi-Klassikern wiederentdeckt, die von dem einst renommierten Verlag Octagon Press herausgegeben wurden.

Lassen Sie mich drei davon nennen: Abd ar-Razzaq Kashanis Glossar der Sufi-Fachbegriffe (Kitab al-istilahat as-sufiyya), übersetzt von Nabil Safwat (mit dem arabischen Originaltext), ist ein äußerst wertvolles Handbuch der Sufi-Terminologie, wie sie von einem wichtigen Vertreter der Schule von Shaykh al-Akbar Ibn al-‘Arabi erklärt wird. Im vergangenen Frühjahr haben wir seine Definitionen im Astana diskutiert, und wir planen, im Jahr 2023 darauf zurückzukommen.

Abu Ghanim al-Maqdisis Offenbarung der Geheimnisse der Vögel und Blumen (Kashf al-asrar ‘an il-hikam al-muda’a fi tuyur wa’l-azhar), übersetzt von Irene Hoare und Darya Galy (ebenfalls mit dem arabischen Text), ist ein höchst raffiniertes Werk der spirituellen Belletristik, in dem der Autor die Tiere und Pflanzen des Gartens nach dem tieferen Sinn des Lebens befragt (4). Wie sich einige von Ihnen vielleicht erinnern, haben wir in The Whorl and the World auf dieses Werk zurückgegriffen.

Schließlich ist Shah Wali Allah Dihlavis Sufismus und die islamische Tradition (Sata’at und Lamahat), übersetzt von G.N. Jalbani (leider ohne das Arabische), eine außergewöhnliche Erforschung des Wirkens der inneren Ebenen durch einen indischen Sufi-Gelehrten, der in der späten Mogulzeit einflussreich dazu beitrug, gegensätzliche Denkschulen in Einklang zu bringen (5). Diese drei Bände sind heute schwer zu finden, aber wenn Sie sie ausfindig machen können, kann ich sie nur empfehlen.

cb8596ad 3330 e921 0fb3 5616ef58abfbOctagon Press mag es nicht mehr geben, aber Suluk Press ist zum Glück so aktiv wie eh und je. Zusätzlich zu meinem neuen Buch Immortality, das ich hier im Zephyr bereits erwähnt habe, plant Suluk Press im kommenden Jahr die Veröffentlichung mehrerer Bände, darunter eine erweiterte und aktualisierte Ausgabe von Caravan of Souls, der lang erwartete fünfte Band der Sufi Message Serie, Breathtaking Revelations von Carl W. Ernst und Patrick D’Silva (der Murshids “Science of Breath” enthält) und No God Only God von Hassan Suhrawardi Gebel. Eine neue Ausgabe der klassischen Nekbakht Foundation Biography of Murshid ist bereits erschienen, und wir werden sie, so Gott will, im Frühjahr online studieren, dank der willkommenen Anregung unserer Freundin Jennifer Alia Wittman.

Es gibt noch viele weitere Bücher, die man erwähnen könnte, aber dies ist bereits ein langer Brief geworden, also lassen Sie mich hier schließen, indem ich Ihnen eine leuchtende Sonnenwende, ein glückliches Chanukka, ein fröhliches Weihnachten, ein gesegnetes Kwanzaa und ein großartiges neues Jahr wünsche. Ich bin dankbar für alles, was Sie alle in Gedanken, Worten und Taten tun, um sich gegenseitig und unsere Karawane als Ganzes zu unterstützen. Ich hoffe, dass wir uns im kommenden Jahr sehen, zumindest online und hoffentlich auch von Angesicht zu Angesicht. Weiter unten finden Sie einige Möglichkeiten. In der Zwischenzeit genießen Sie Ihre Lesestunden!

Immer der Ihrige,
Pir Zia

(1) Ibn Abi al-Wafa’s Al-Jawahir al-muzi’a. In Jamis Nafahat al-uns soll Schams Rumis Bücher in einen Brunnen geworfen haben (und sie ihm dann auf wundersame Weise trocken zurückgegeben haben).

(2) Zum Thema Alchemie möchte ich das künstlerische und wissenschaftliche Werk eines anderen Freundes über die Königliche Kunst empfehlen: https://www.galipton.com/artblog.

(3) Qahira Wirgman hat vor kurzem die Fazal-Manzil-Bibliothek mit großem Erfolg organisiert, und Josh Octaviani kuratiert sorgfältig die Sammlung im Astana.

(4) Apropos “grüne Welt”: Besuchen Sie unbedingt die neue Ziraat-Website.

(5) Marcia Hermansen, deren spirituelle Reise unter anderem nach Chamonix und Suluk führte, hat eine klare Übersetzung von Shah Wali Allahs Schlußfolgerndes Argument von Gott erstellt.


Original in Englisch

21 December 2022

Dear Companions on the Path,

When Shams met Rumi he set the latter’s books on fire. How do we know? The incident is described in a book (1). Book knowledge cannot compare with real knowledge – or so the books tell us. That being said, the same Shams-i Tabriz who thought so little of Rumi’s library also inspired him to compose Divan-i Shams, one of the great books of all time.

In the human body, old cells are continuously shed as new ones take shape. Looking at my bookshelves, I see the same phenomenon at play. Books I don’t expect to open again make their way back into the great Circle of Life. Meanwhile, new (or new-to-me) books routinely take their place.

I frequently borrow books from the library. In a world where buying and selling fills every visible nook and cranny of our urban topography, libraries and parks are a saving grace. Judging by their gentle manner, the librarians at my local branch are likely some of the happiest people I know. Borges wrote, “I have always imagined that Paradise will be a kind of library.” These librarians seem to be moved by just such a vision, and it gives them an abiding calm.

As the solar year nears its close, I am looking back on the books I had the pleasure of reading over the last twelve months. Let me share a few highlights.

As a child I read J.R.R. Tolkien’s The Hobbit, but for one reason or another never went on to The Lord of the Rings. This year I corrected the omission. Tolkien is a masterful world-builder, and I find his evocations of landscape rapturous. My friend Peter Kingsley warned me at the outset, however, that despite the obvious spagyric symbolism in the books, there is something fundamentally contra-alchemical in the notion of the Ring as a thing to be destroyed rather than reckoned with, transformed, and redeemed (2).

As I made my way through the trilogy I could very well see what Peter meant, and was also taken aback by the attribution of “slanting” eyes and “swarthy” skin to the story’s villains. And then there is the matter of the Orcs, a whole race that is ostensibly lowly and evil by genetic predisposition. In The Two Towers, the plant-man Treebeard says of the Isengarders, “Are they Men he (Sauron) has ruined, or has he blended the races of Orcs and Men? That would be a black evil!” Comments like that, raising the specter of eugenics, truly give one pause. There is some consolation, however, in learning that Tolkien was vocally opposed to aparthied in South Africa and the maniacal racism of the Nazis. And there certainly are enchanting passages in The Lord of the Rings. These are a few that I noted down:

  • Gandalf to Frodo: “Then do not be too eager to deal out death in judgment. For even the very wise cannot see all ends. I have not much hope that Gollum can be cured before he dies, but there is a chance of it. And he is bound up with the fate of the Ring. My heart tells me that he has some part to play yet, for good or ill, before the end; and when that comes, the pity of Bilbo may rule the fate of many – yours not least.”
  • Tom Bombadil to the traveling hobbits when asked his name: “Tell me, who are you, alone, yourself and nameless?”
  • Gandalf to Saruman: “He that breaks a thing to find out what it is has left the path of wisdom.”
  • Pippin on Treebeard’s eyes: “One felt as if there was an enormous well behind them, filled up with ages of memory, and long, slow, steady thinking; but their surface was sparkling with the present; like sun shimmering on the outer leaves of a vast tree, or on the ripples of a very deep lake.”
  • Treebeard to Merry: “Hill. Yes, that was it. But it is a hasty word for a thing that has stood here ever since this part of the world was shaped.”
  • Gwaihir to Gandalf: “The Sun shines through you.”
  • Aragorn to Pippin: “One who cannot cast away a treasure in need is in fetters.”
  • Frodo’s sleeping face: “Frodo’s face was peaceful, the marks of fear and care had left it; but it looked old, old and beautiful, as if the chiseling of the shaping years was now revealed in many fine lines that had before been hidden, though the identity of the face was not changed.” 
  • Faramir on the ritual of the people of Gondor before each meal: “We look towards Numenor that was, and beyond to Elvenhome that is, and to that which is beyond Elvenhome and ever will be.”
  • Frodo to Faramir: “Certainly I looked for no such friendship as you have shown. To have found it turns evil to great good.”

Turning now to Sufi books, I continue to take great delight in the collections at Fazal Manzil and the Astana (3). Specifically, I have been rediscovering some of the marvelous translations of Sufi classics issued by the once-prolific publisher Octagon Press.

Let me name three. ‘Abd ar-Razzaq Kashani’s Glossary of Sufi Technical Terms (Kitab al-istilahat as-sufiyya), translated by Nabil Safwat (with the original Arabic text included), is an extremely valuable handbook of Sufi terminology as explained by an major exponent of the school of Shaykh al-Akbar Ibn al-‘Arabi. This past spring we discussed its definitions at the Astana, and we plan to return to it in 2023. Abu Ghanim al-Maqdisi’s Revelation of the Secrets of the Birds and Flowers (Kashf al-asrar ‘an il-hikam al-muda‘a fi tuyur wa’l-azhar), translated by Irene Hoare and Darya Galy (again, with the Arabic included), is a highly refined work of spiritual belles lettres in which the author consults the animals and plants of the garden concerning the deeper meanings of life (4). As some of you may recall, we had recourse to it in The Whorl and the World.
Finally, Shah Wali Allah Dihlavi’s Sufism and the Islamic Tradition (Sata‘at and Lamahat), translated by G.N. Jalbani (alas, without the Arabic), is an extraordinary exploration of the workings of the inner planes by an Indian Sufi scholar who influentially undertook to bring contrasting schools of thought into harmony during the late Mughal period (5). These three volumes are now hard to find, but if you can track them down I highly recommend them. 

Octagon Press may be no more, but Suluk Press is thankfully as active as ever. In addition to my new book Immortality, which I’ve previously mentioned here in the Zephyr, Suluk Press plans to publish several volumes in the coming year, including an expanded and updated edition of Caravan of Souls, the long-awaited fifth volume of the Sufi Message series, Breathtaking Revelations by Carl W. Ernst and Patrick D’Silva (which includes Murshid’s “Science of Breath”), and No God Only God by Hassan Suhrawardi Gebel. A new edition of the classic Nekbakht Foundation Biography of Murshid has already come out, and we will be studying it online in the spring, God willing, thanks to our friend Jennifer Alia Wittman’s welcome suggestion.

There are many more books one could mention, but this has already become a lengthy letter, so let me close here by wishing you a luminous Solstice, a happy Hanukkah, a merry Christmas, a blessed Kwanzaa, and a splendid New Year. I appreciate all that each of you do in thought, word, and deed to support each other and our caravan as a whole. I hope to see you in the year ahead, at least online and hopefully face to face. Below are some possibilities. Meanwhile, enjoy your reading hours!

Yours ever,
Pir Zia

(1) Ibn Abi al-Wafa’s Al-Jawahir al-muzi’a. In Jami’s Nafahat al-uns, Shams is said to have thrown Rumi’s books in a well (and then restored them to him miraculously dry).

(2) On the subject of alchemy, let me recommend another friend’s artistic and scholarly work on the Royal Art: https://www.galipton.com/artblog.

(3) Qahira Wirgman recently organized the Fazal Manzil library, to great effect, and Josh Octaviani carefully curates the collection at the Astana.

(4) Speaking of consulting the green world, be sure to visit the new Ziraat website.

(5) Prof. Marcia Hermansen, whose spiritual itinerary has included Chamonix and Suluk, has produced a lucid translation of Shah Wali Allah’s Conclusive Argument from God.

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