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The Zephyr – Mai 2023

17. Mai 2023

Liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,

Mögen diese Zeilen Sie wohlauf vorfinden. Ich bin jetzt zurück in Richmond, wo die Kurse im Astana wieder aufgenommen wurden und die Engelwurz sich fröhlich im Garten unseres kleinen Häuschens vermehrt.

Mein jüngster Aufenthalt in Europa gipfelte im Frühlings-Retreat, das jedes Jahr zu Ostern in der Rhön stattfindet. Unser Thema war diesmal die Kosmische Feier meines Vaters, die durch eine Serie von zwölf Kontemplationen betrachtet wurde: das Universum als Theater, der Abstieg der Seelen, die Reinigung, der Aufstieg durch das Dschinnreich und die Sterne, Begegnungen mit Engeln, den Erzengeln, Zeugnis ablegen, das Böse verwandeln, Krönung, Opfer, die spirituelle Hierarchie und Auferstehung. Pir Vilayats Ausführungen zur Auferstehung sind beeindruckend: Das Herz offenbart sich als “Sitz der Verwandlung des kosmischen Schmerzes in Glückseligkeit”. Unsere Betrachtungen wurden durch klangvolle Lesungen der Originaltexte und stimmungsvolle Darbietungen sakraler Musik vertieft. 

Von Hazrat Inayat Khans “Shakuntala”, “Tansen”, “Amin”, “Una”, “The Bogey-Man” und “The Living Dead” bis zu Pirzadi-Shahida Noors “Aède” und Pir Vilayats “Parsifal” und “Cosmic Celebration” ist das mystische Drama seit langem ein zentraler Bestandteil des künstlerischen Erbes der Inayatiyya. Murshid sagte dem rituellen Theater eine viel versprechende Zukunft voraus: “Die Entwicklung des Dramas wird ein sehr wichtiger Faktor in der Evolution der Menschheit werden.” Auf dem Zenith Camp in diesem Sommer freuen wir uns auf Jeremy Heiss’ Adaption von Parsifal. Und es wird sicher noch mehr davon geben, so Gott will. 

Nach dem Frühlings-Retreat nahmen uns unsere Gastgeber Nura, Klaus und Latifa mit in das ursprüngliche Wohnhaus der Brüder Grimm in Steinau, das heute ein Museum ist. Es war bereits mein zweiter Besuch, und beim zweiten Mal hat es mir genauso gut gefallen. Jacob und Wilhelm Grimm waren äußerst kenntnisreiche Forscher, die sich der Wiederentdeckung der alten Naturpoesie des deutschen Volkes verschrieben hatten. Obwohl sie vor allem für ihre unendlich einflussreiche Märchensammlung bekannt sind, haben sie auch ein kolossales deutsches Wörterbuch verfasst und Jacob Grimm schrieb eine bahnbrechende Studie über die germanische Mythologie. Jacob schrieb: “Gott ist uns überall nahe und weiht uns jedes Land … Ich vergleiche das Heidentum mit einer wundersamen Pflanze, deren leuchtende, duftende Blüte wir mit Staunen betrachten; das Christentum mit dem nahrhaften Korn, das weite Landstriche bedeckt. Auch bei den Heiden keimte der wahre Gott, der bei den Christen zur Frucht herangereift ist.”

Die Nazis haben das universalistische Erbe der Brüder Grimm auf schändliche Weise in den Dienst ihrer hasserfüllten Ideologie gestellt. Um sie zu entkräften, sammelte Pirzadi-Shahida Noor Volksmärchen aus vielen Teilen der Welt und erzählte sie neu, wobei sie die ethischen, ästhetischen und spirituellen Ideale hervorhob, die sie gemeinsam hatten. Ich war sehr bewegt, als ich in Gersfeld den Entwurf einer deutschen Luxusausgabe von Noors “Dream Flowers” sah, an der Uta Marie und Josef vom Verlag Heilbronn derzeit arbeiten und die voraussichtlich im nächsten Jahr in Druck gehen wird. Die Blumen und Früchte der Gebrüder Grimm und Noor haben über den Ethnofaschismus obsieget – und dennoch ist Wachsamkeit geboten, nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt.

Die Brüder Grimm erinnern uns daran, dass eine schöne Welt ihre Wurzeln in den Köpfen und Herzen der Kinder haben muss. Wilhelm schrieb: “Kindermärchen werden erzählt, damit im reinen und sanften Licht dieser Geschichten die ersten Gedanken und Kräfte des Herzens erwachen und wachsen.” Wenn Sie eine halbe Stunde lang das Ohr eines Kindes hätten, welche edle Legende würden Sie ihm erzählen?

Immer der Ihrige,
Pir Zia

Original in Englisch

17 May 2023

Dear Companions on the Path,

May these lines find you well. I am now back in Richmond, where classes have resumed at the Astana and angelica is cheerfully multiplying in the backyard of our little cottage.

My recent stay in Europe culminated with the Spring Retreat that convenes each year at Easter in the Rhön Mountains. Our theme this time was my father’s Cosmic Celebration, explored through a series of twelve contemplations: the universe as theater, the descent of souls, purification, ascent through the jinnic realm and the stars, encounters with angels, the archangels, bearing witness, transforming evil, coronation, sacrifice, the spiritual hierarchy, and resurrection. Pir Vilayat’s evocation of resurrection is striking: the heart reveals itself as “the seat of the transfiguration of cosmic pain into beatitude.” Our exploration was intensified by resonant readings of the original script and vivid recitals of sacred music.

From Hazrat Inayat Khan’s Shakuntala, Tansen, Amin, Una, The Bogey-Man, and The Living Dead to Pirzadi-Shahida Noor’s Aède and Pir Vilayat’s Parsifal and Cosmic Celebration, mystical drama has long been a central part of the artistic heritage of the Inayatiyya. Murshid foresaw a bright future for ritual theater, saying, “the development of drama will become a most important factor in the evolution of humanity.” At this summer’s Zenith Camp, we are looking forward to Jeremy Heiss’ adaptation of Parsifal. And surely there is still more to come, God willing.

 After the Spring Retreat, our hosts Nura, Klaus, and Latifa took us to the original home of the Brothers Grimm, now a museum, in Steinau. This was actually my second visit, and I enjoyed it just as much the second time. Jacob and Wilhelm Grimm were profoundly knowledgeable researchers committed to unearthing the old naturpoesie of the people of Germany. Though best known for their endlessly influential fairy tale collection, they also produced a colossal German dictionary and Jacob Grimm wrote a groundbreaking study of Teutonic mythology. Jacob wrote: “God is near us everywhere, and consecrates for us every country… I liken heathenism to a strange plant whose brilliant fragrant blossom we regard with wonder; Christianity to the crop of nourishing grain that covers wide expanses. To the heathen too was germinating the true God, who to the Christians had matured into fruit.”

 The Nazis nefariously pressed the universalist legacy of the Brothers Grimm into the service of their hateful ideology. To challenge them, Pirzadi-Shahida Noor collected and retold folktales from many parts of the world, highlighting the ethical, aesthetic, and spiritual ideals they shared in common. In Gersfeld, I was moved to see the draft of a deluxe German edition of Noor’s Dream Flowers that Uta Marie and Josef of Verlag Heilbronn are currently producing, which is expected to appear in print next year. The flowers and fruits of the Grimm Brothers and Noor have triumphed over the blight of ethnofascism – and still vigilance is needed, not only in Germany but everywhere in the world.

The Grimm Brothers remind us that a beautiful world must find its roots in the minds and hearts of children. Wilhelm wrote: “Children’s fairy tales are told so that in the pure and gentle light of these stories the first thoughts and powers of the heart may awaken and grow.” If you had the ear of a child for half an hour, what noble legend would you recite?

Yours ever,
Pir Zia

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